Der Glasfaser-Jungle
Bevor wir uns mit Switches, Modulen und Übertragungsraten beschäftigen, beginnen wir ganz unten im OSI-Modell – bei Layer 1, der physikalischen Schicht. Hier geht es um die grundlegende Frage, was sich tatsächlich im Kabel befindet und welche Steckverbindungen an den Enden verwendet werden.
Wer eine Glasfaseranbindung plant, begegnet schnell einer Vielzahl von Begriffen wie OS2, OM4, OM5, LC, SC, MPO, APC oder UPC. In Datenblättern finden sich zahlreiche technische Angaben, auf der Baustelle fällt die Frage „Singlemode oder Multimode?”, und das Patchpanel wirkt auf den ersten Blick oft unnötig komplex.
Die gute Nachricht: Hinter all diesen Bezeichnungen stehen im Wesentlichen nur zwei zentrale Entscheidungen – welches Fasermedium im Kabel eingesetzt wird und welcher Steckertyp an den Enden verwendet wird. Sobald du diese beiden Achsen verstanden hast, wird die Planung deutlich übersichtlicher.
Was im Kabel drin ist
Zwei Klassen, mehr nicht.
- Singlemode (OS1, OS2) — 9-µm-Kern, gelber Mantel. Reicht problemlos für Strecken bis 10 km, bei kleineren Datenraten auch deutlich weiter. Optisches Equipment ist teurer (höherwertige Laser bei 1310 nm oder 1550 nm).
- Multimode (OM3, OM4, OM5) — 50-µm-Kern, türkiser (aqua) Mantel; ältere Generationen (OM1/OM2) orange. Günstigeres Equipment (LEDs oder VCSELs bei 850 nm oder 1300 nm), aber Reichweite beschränkt: OM4 bei 10G ≈ 400 m, bei 100G ≈ 150 m.
Deep Dive: warum OM5 in KMU-Projekten meist nichts bringt
OM5 (limegrün) ist auf Shortwave-Wavelength-Division-Multiplexing (SWDM) ausgelegt — mehrere Kanäle auf verschiedenen Wellenlängen über dieselbe Faser. Spannend für Hyperscaler. In KMU-Realität: niemand baut SWDM-Optik, und die zusätzliche Reichweite gegenüber OM4 ist marginal.
Wenn du heute Multimode neu verlegst, ist OM4 fast immer die richtige Wahl. OM5 nur, wenn du eine spezifische SWDM-Roadmap hast — und die hast du als KMU vermutlich nicht.
Faustregel: alles unter 300 m im Gebäude → OM4 reicht. Strecke zwischen Gebäuden, oder unklar wegen zukünftiger Bandbreite → OS2.
Unsere Empfehlung bei Neubau: OS2 mit LC, Panel-Seite APC. Ein Fasertyp im Inventar, jede Datenrate der nächsten Jahre abgedeckt, und das Panel passt sofort, sobald ein Carrier-Anschluss dazukommt.
Was am Ende dran hängt
Stecker sind die andere Achse.
- LC — der Standard. Klein, rastet ein, fast jeder Switch und jeder Transceiver der letzten zehn Jahre hat LC-Buchsen.
- SC — älter, grösser, schraubt sich rein. Findest du auf älteren Patchpanels oder bei Carrier-Übergaben.
- MPO/MTP — 12 oder 24 Fasern in einem Stecker. Pflicht für 40G/100G-Multimode-Breakouts und für hochdichte Datacenter-Verkabelung.
Deep Dive: MPO ist nicht gleich MPO
MPO-Verbindungen haben Unter-Spezifikationen, die du kennen musst, sonst bestellst du am Ende ein Kabel, das physisch passt, aber nicht funktioniert:
- Polarität (Type A, B, C). Type B ist heute der Standard für neue Installationen — Sender auf Empfänger gemappt ohne externes Crossover-Kabel.
- Pin-Konfiguration (male/female). Patchpanels haben typischerweise female, Trunk-Kabel male. Falsch bestellt → kein Link.
Wenn du MPO bestellst, bestelle es nie ohne Polaritäts- und Pin-Spezifikation. Erfahrungsgemäss ist das Punkt eins, an dem Lieferanten falsch ausliefern.
Schliff: APC oder UPC?
Bei Singlemode (egal ob LC oder MPO) entscheidet der Endflächen-Schliff über Reflexion und damit über Signalqualität bei hohen Datenraten. Zwei Varianten:
- APC — 8°-Winkelschliff, grüne Stecker. Geringe Rückreflexion. Pflicht in Carrier-Umgebungen, bei langen DWDM-Strecken und wo Provider-Übergaben anliegen.
- UPC — flach, blaue Stecker. Etwas höhere Reflexion, aber günstiger und der Standard im Datacenter und bei den meisten Switch-Anbindungen.
Niemals mischen — ein APC-Stecker auf einer UPC-Buchse macht den Schliff kaputt.
Merksatz fürs Feld (banal, aber bleibt hängen): APC = Am Panel (grün, Provider-Seite, Carrier-Übergabe) UPC = Unter dem Panel (blau, Switch-Seite, dein Equipment)
Multimode kennt diesen Unterschied nicht — dort ist UPC immer richtig.
Quick Lookup im Feld
Steh vor dem Patchschrank und musst innerhalb von 10 Sekunden wissen, was du da hast? Diese Tabelle deckt 90% der Fälle ab.
| Was du siehst | Was es ist |
|---|---|
| Gelber Mantel | Singlemode (OS1/OS2) |
| Türkiser (aqua) Mantel | Multimode OM3/OM4 |
| Oranger Mantel | Multimode OM1/OM2 (alt, vorsichtig sein) |
| Limegrüner Mantel | Multimode OM5 |
| Eine Faser im Stecker | Simplex |
| Zwei Fasern im Stecker (TX + RX) | Duplex |
| Grüner Stecker | APC-Polish (Singlemode, Carrier-Seite) |
| Blauer Stecker | UPC-Polish (Standard) |
| SFP-Label „1310 nm” / „1550 nm” | Singlemode-Optik |
| SFP-Label „850 nm” / „1300 nm” | Multimode-Optik |
⚠️ Achtung: 1300 nm (Multimode) und 1310 nm (Singlemode) sehen am SFP-Aufdruck praktisch identisch aus. Wenn du dir unsicher bist, schau auf den Mantel des Patchkabels — der lügt nicht.
Was du tatsächlich fragen musst
Bevor du ein Kabel bestellst, drei Fragen:
- Wie weit ist die Strecke? Wenn du’s nicht weisst, miss nach. Nicht schätzen — Glasfaser ist nicht teuer, aber Neuverlegen ist teuer.
- Welche Datenrate heute, welche in fünf Jahren? Wenn die Antwort „weiss nicht” ist: OS2 mit LC. Singlemode trägt fast alles, was die nächsten zehn Jahre kommt, und LC-Optik ist überall.
- Was hängt auf der Gegenseite? Kein Sinn, OS2 zu ziehen, wenn der Endpunkt einen Multimode-Transceiver verlangt — und bei Bestandsbauten passiert genau das.
Wenn du die drei Antworten hast, fällt der Rest fast von selbst.
Pragmatischer Schluss
Im Bestand reicht für 90% der Schweizer KMU-Strecken im Gebäude OM4 mit LC — wer es schon hat, ersetzt es nicht ohne Grund. Bei Neubau ist die Sache einfacher: OS2 mit LC, Panel-Seite APC, und alles ist abgedeckt. MPO erst, wenn DC-Switches mit 40G+ ins Spiel kommen — dann brauchst du ohnehin einen Lieferanten, der Polarität, Pin-Konfiguration und Schliff sauber dokumentiert.
Der Jungle ist also kein Jungle. Zwei Achsen, ein paar Faustregeln, eine klare Empfehlung für Neubau — und ein Lieferant, der weiss, was er tut.
Mantelfarbcodes (TIA-598C), Wellenlängen und Kerngrössen verifiziert gegen FS.com — Single Mode vs Multimode Fiber Cable. Restlicher Text aus eigener Praxis.